Abwehrkraft und Biochemie

Abwehrkraft hat sehr viel mit Kampf zu tun. Ich wünsche diesem Kongreß, daß der Kampfgeist auf die Sachthemen beschränkt bleibt, die Regularien aber in Harmonie und Eintracht über die Bühne gehen.

von Hans-Heinrich Jörgensen
(Vortrag auf dem Bundeskongreß 1992 des Biochemischen Bundes Deutschlands e.V. in Hahnenklee)

Sie alle kennen aus der Fach- und Laienliteratur die bildhaften Darstellungen des Immunsystems, in denen das Zusammenwirken der verschiedenen Zelltypen sehr militant dargestellt wird. Wenn sie diese Zusammenhänge nicht immer ganz verstanden haben, machen Sie sich nichts draus, Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Ich hab's nämlich auch nicht immer bis ins letzte Detail verstanden. Das Wissen über unser Immunsystem befindet sich in ständigem Wandel. Woche für Woche kommen neue Erkenntnisse hinzu, werden neue Substanzen entdeckt, die aktiv eingreifen. Einer der führenden Immunforscher hat kürzlich gesagt: "Wir wissen über das Immunsystem etwa soviel wie Columbus über Amerika, als er es entdeckte."

Wir sollten auch nicht von dem Immunsystem sprechen, sondern im Plural von den Systemen. Gemeint ist nicht nur die zelluläre Abwehr mit den Freßzellen, die alles fressen, was ihnen verdächtig scheint, selbst wenn es tödlich für sie ist, wie Teer, Asbest und Quarzstaub, mit den lernfähigen Thymuszellen oder den etwas dümmeren Bursazellen. Man muß sich die Macht dieses Systems einmal vorstellen: In jeder Sekunde werden in Ihrem Körper etwa 1 Million weiße Blutkörperchen geboren.

Da gibt es weiter die verschiedenen Immunglobuline, die wir nach ihrer spezifischen Wirkung als IgA, IgE, IgG oder IgM abkürzen.

Recht jung ist das Wissen über die Zytokine, das sind Botenstoffe für den Informationsaustausch zwischen den Zellen. Interferone, Tumornekrosefaktoren, Wachstumsfaktoren, Interleukine .... das sind die Namen, die oft sensationell aufgemacht durch die Zeitungen geistern.

Auch der Hormonhaushalt gehört zu den Immunsystemen, vor allem aber die Psyche. Kein erfahrener Praktiker zweifelt heute mehr daran, daß es Patienten gibt, die von ihrer Psyche her schon den Keim für eine Krebserkrankung in sich tragen. Psycho-Immun-Endokrines Netzwerk nennen wir darum auch die Gesamtheit unserer Abwehrkräfte.

Und ganz neu ist in den letzten Jahren ins Gespräch gekommen, daß die Mineralien und Spurenelemente in diesem System eine bedeutende Schlüsselrolle spielen, insbesondere die Spurenelemente, die wir in der Biochemie als Ergänzungsmittel kennen. Sie greifen als freie Ionen als Cofaktor und Katalysator in das Geschehen ein, sie steuern als Kern von Metalloenzymen weit über 10 000 verschiedene Stoffwechselvorgänge, und sie stellen wirksame Transportsysteme zur Entgiftung bereit.
Es liegt auf der Hand: Ein Mangel an diesen Spurenelementen macht das Immunsystem arbeitsunfähig, ein Überschuß im giftigen Bereich aber kann ebenso stören.

Schutz des Individuums

Aufgabe des Immunsystems ist es, unseren individuellen Organismus vor Verfremdung durch eindringendes fremdes Eiweiß mit seinen genetischen Informationsträgern zu schützen. Artspezifischer Schutz bedeutet, daß uns nach dem Verzehr von Spanferkel kein Ringelschwänzchen wächst. Organspezifischer Schutz bedeutet, daß die Leberwurstschnitte nicht nur unsere Leber wachsen läßt, und der spezifische Schutz des Individuums macht eine Organverpflanzung selbst vom Bruder zum Bruder unmöglich.

Der zu schützende Organismus ist von einer sehr derben - wenngleich nicht so stabilen wie beim Krokodil - Außenhaut umgeben, die durch ihre mehrfachen Schichten normalerweise keine Fremdsubstanz eindringen läßt, es sei denn, sie ist schwer geschädigt. Nur allzuoft provozieren wir eine solche Schädigung, indem wir uns vielfältige Salben und Tinkturen auf die Haut schmieren, um sie geschmeidiger oder schöner zu machen, dabei aber auch ihre Durchlässigkeit erhöhen. Und schlimmer noch: Mit ungeahnter Leichtfertigkeit greifen wir heute in der ärztlichen Praxis zur Injektionskanüle, um diffizile Medikamente - hauruck - an diesem Schutzwall vorbeizubringen - und dann wundern wir uns über zunehmende Allergien !

Mitten durch das zu schützende Individuum geht ein Rohr, vom Munde bis zum After, dessen Inhalt noch der Außenwelt zuzuordnen ist. Dieses Darmrohr nun unterscheidet sich von der Haut ganz beträchtlich. Es soll kein fremdes Eiweiß abwehren, im Gegenteil, es soll Eiweiß aufnehmen. Allerdings erst, nachdem es zuvor in seine Grundbausteine, die Aminosäuren, zerlegt wurde, wird es resorbiert und nun zu körpereigenem Eiweiß wieder zusammengesetzt. Diese Fähigkeit bietet einen hohen Schutz gegen Allergien im Verdauungstrakt. Hier ist das Immunsystem nur dann gefragt, wenn die Schleimhäute so nachhaltig geschädigt sind, daß sie unverdautes Eiweiß in großen Bruchstücken eindringen lassen. In der Tat sind Nahrungsmittel-Allergien viel seltener, als weithin angenommen. meist handelt es sich um Unverträglichkeitserscheinungen ohne Beteiligung des Immunsystems. Der immunologische Nachweis von Nahrungsmittelallergien gelingt nur zwischen 1% und 10% der Verdachtsdiagnosen.

Und weiter gibt es in das Individuum hinein eine Einstülpung, die wiederum ganz andere Eigenschaften aufweist. Sie soll beileibe kein Eiweiß aufnehmen, sondern ausschließlich Sauerstoff: Unsere Atemwege. Und wehe, hier kommt nun mit der Atemluft fremde organische Substanz, wie Blütenpollen. Sie wird hinausgeflimmert, hinausgespült und wenn alles nicht reicht, in den Schleimhäuten verdaut. Wehe aber, wenn auch diese letzte Barriere überwunden wurde. Dann bildet der Körper ein mächtiges Abwehrsystem, das sich ganz spezifisch gegen diesen einen bösen Eindringling wehrt, und jedesmal, wenn er wieder an den gleichen Ort kommt, dann wird eine vernichtende Schlacht geschlagen, mit Schleim und Schwellung und Entzündung - oft so heftig, daß unser so geschütztes Individuum zu ersticken droht: Asthma !

Angesichts der Empfindlichkeit und Anfälligkeit dieser Einstülpung bleibt es unverständlich, daß es Menschen geben soll, die sich ihre Atemwege mehrmals täglich mit hochgiftigen Substanzen, zum Beispiel dem krebserzeugendem Teer einsprühen, in der irrigen Meinung, dieses sei der Duft der großen, weiten Welt.

Und schließlich gibt es noch eine letzte Einstülpung, mit wiederum ganz neuen, wundersamen Eiweiß-Eigenschaften. Nur die Hälfte aller Menschen verfügt darüber. Diese Einstülpung wehrt kein fremdes Eiweiß ab, verdaut es nicht und flimmert es auch nicht hinaus. Sie ist vielmehr dazu geschaffen, fremdes Eiweiß völlig unzerstört aufzunehmen, eindringen zu lassen, mit eigenem Eiweiß zu verschmelzen und daraus ein völlig neues Individuum werden zu lassen.

Wenn wir hier von Unverträglichkeiten hören, denken wir immer zuerst an die Sache mit dem Rhesusfaktor. Was aber wenig bekannt ist: viele Unfruchtbarkeiten haben ihre Ursache in einer Allergie der Frau gegen das Sperma ihres Mannes. Als Kontrazeptivum taugt diese Allergie darum allerdings auch nur beim eigenen Mann.

Dreifach gestört

Unser Immunsystem kann in dreifacher Hinsicht gestört sein. Wenn ich von einer Immunschwäche spreche, dann meine ich nicht so sehr jene erworbene Immunschwäche, die unter der Abkürzung AIDS in aller Munde ist und die manchen Moraltheoretikern trefflich als Argumentationshilfe ins Konzept paßt. Übrigens: die Abkürzung AIDs fand schon lange vor dieser neuen Seuche im englischen Sprachraum in der Medizin Verwendung und stand für "antiinflammatory drugs", das sind jene Medikamente, die entzündungshemmend und schmerzstillend als Antirheumatika weite Verbreitung gefunden haben und genau das tun, was auch die Virusinfektion AIDS tut, nämlich Immunreaktionen unterdrücken.

Auch die Biochemie hat kein Rezept gegen AIDS, und wer da etwas verspricht, ist ein Scharlatan.

Mit Immunschwäche meine ich vielmehr jene Bereitschaft vieler Patienten, sich jede auch nur entfernt vorbeischleichende Infektion einzusammeln. Ich meine jene Kinder, die blass und abwehrschwach immer wieder die Schule versäumen, weil Nase, Mandeln, Ohren, Blinddarm oder was immer sich entzünden kann, sich auch entzündet. Und immer wieder wird das Fieber mit Zäpfchen unterdrückt, werden die Erreger mit Antibiotika erschlagen, wird das Immunsystem daran gehindert, sich zu entwickeln. So wie Muskeln und Geist trainiert werden müssen, so muß auch das Immunsystem trainiert werden, soll es funktionieren und wirksamen Schutz bieten. Sie tun ihrem Kinde keinen Gefallen, wenn Sie jeden Fieberschub gleich unterdrücken. Jeder, der Labordignostik betreibt, wird mir bestätigen, daß nur noch wenige Menschen die sogenannten Normwerte an weißen Blutkörperchen aufweisen. Hat jemand wirklich die als normal geltenden 8000 Leukozyten im Kubikmillimeter Blut, dann fürchten wir schon einen schlimmen Eiterherd.

Öfter mal Fieber !

Es gibt eine schon alte Untersuchung der Hamburger Gesundheitsbehörde, die den Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und dem Auftreten von Fieber in der Vorgeschichte der Patienten untersucht. Diese Studie zeigt eindeutig, daß jene Patienten, die nie oder selten von Fieber zu berichten wußten, ein deutlich höheres Krebsrisiko hatten, als jene, die schnell und leicht fiebrige Schübe hatten. Das ist auch erklärlich, denn wir gehen heute davon aus, daß in jedem Organismus stets und ständig entartete Zellen entstehen, die sich nur dann zur Krebsgeschwulst vermehren können, wenn sie nicht beizeiten durch ein intaktes Immunsystem als entartet erkannt und eliminiert wurden.

"Öfter mal Fieber !" schützt also vor späterem Krebs - und auf diesem Prinzip - Stärkung der Abwehrkräfte - beruhen ja auch nahezu alle naturheilkundlichen Versuche, dem Krebs zu begegnen.

Wenn ich aber diesen Gedanken weiterspinne, dann kommt mir eine grausame Vorstellung: Es hieße ja, daß die heute so beliebte Therapie mit Antibiotika, mit Fiebersenkern, mit Kortikoiden, mit Entzündungshemmern - suppressiv = unterdrückend nennen wir das - zu einer Zunahme der Krebserkrankungen beitragen muß.

Lassen Sie uns nicht nur an die Immunschwäche denken, unser Immunsystem kann auch irren. Dann kämpft es gegen den falschen Feind, den eigenen Körper. Es erkennt körpereigenes Gewebe nicht mehr als eigen, sondern identifiziert es als fremd und feindlich, und beginnt, es zu zerstören. Autoimmunkrankheiten nennen wir das. Dazu zählt - mit großer Wahrscheinlichkeit - das echte Rheuma, die als pcP abgekürzte progredient chronische Polyarthritis, die Multiple Sklerose, der Typ-I-Diabetis, die Myasthenia gravis u.a.

Lassen Sie mich einmal eine Überlegung in den Raum stellen, die es wert scheint, durch umfangreiche Studien weiter verfolgt zu werden. Wir wissen zwei Dinge: Die Prägephase zur Erkennung des körpereigenen Eiweißes liegt in den ersten Monaten unmittelbar nach der Geburt. Und: Aus diesem Grunde hat das Neugeborene auch noch keine eigenen Abwehrkräfte, es bekommt seine Antikörper mit der Muttermilch. Enthalten wir dem Säugling diese Antikörper vor, weil er nicht gestillt wird, dann zwingen wir seinen jungen noch unfertigen Organismus, vorzeitig ein eigenes Immunsystem aufzubauen, und zwar zu einem Zeitpunkt, in dem er noch nicht gelernt hat, sein eigenes Körpereiweiß zu identifizieren. Könnte nicht hier die Wurzel für diese Autoimmunkrankheiten zu suchen sein ? Könnten sich nicht in dieser Überschneidungsphase Antikörper entwickeln, die sich später gegen den eigenen Organismus richten, weil sie schon gebildet wurden, als sie den eigenen Körper noch garnicht als eigen erkannt hatten ? Ein Forschungsauftrag könnte zum Beispiel lauten: "Haben nicht gestillte Kinder später ein erhöhtes Rheuma-Risiko ?"

Und schließlich kann unser Immunsystem über's Ziel hinausschießen, zu heftig reagieren. Allergie oder Hypergie nennen wir das. Die Schulmedizin sieht hier das Heilmittel in der Unterdrückung solcher überschießenden Immunreaktionen und in der Tat schafft das dem Patienten Linderung, ob beim Asthma oder ob beim Rheuma. Macht es also einen Sinn, hier nach anderen Wegen zu suchen, das Immunsystem gar noch anzuheizen, wie es in der Naturheilkunde oft geschieht ? Ich hingegen frage: Ist nicht jede Überreaktion eigentlich Ausdruck einer Schwäche ? So, wie das geschwächte Herz zu jagen beginnt, so wie der seelisch schwache Mensch aggressiv wird, so - denke ich mir - reagiert ein zu schwaches Immunsystem auch zu oft, zu heftig, in die falsche Richtung. Also würde ich auch hier versuchen, das Immunsystem zu stärken, und nicht zu unterdrücken.

Nicht alles ist eine Allergie

Wir klagen heute laut und oft über die schreckliche Zunahme von Allergien. Da echte Allergien aber weniger auf industrielle und vom Menschen erzeugte Umweltbelastungen zurückzuführen sind, sondern auf natürliche Substanzen, melde ich - sicher sehr einsam - Zweifel an dieser These an. Allergien sind nicht meldepflichtig, es gibt also mehr subjektive Stimmungen als objektive Vergleichszahlen. Auch wird heute mehr geklagt über Dinge, die früher einfach hingenommen wurden. Und wo geklagt wird, wird auch diagnostiziert und therapiert. Zugenommen haben jedoch statt der Allergien mit Sicherheit die Kontaktekzeme und Überempfindlichkeitsreaktionen. Lassen Sie mich zum Nutzen der Patienten ein wenig den Unterschied deutlich machen.

Die echte Allergie reagiert vorwiegend auf natürliche Substanzen, z.B. fremdes Eiweiß, aber nur bedingt auf chemische oder toxische Substanzen. Sie geht mit der immunologisch nachweisbaren Bildung von Antikörpern (IgE) einher und richtet sich dosisunabhängig mit heftigen Reaktionen bei jedem erneuten Eindringen der Fremdsubstanz ganz spezifisch gegen diese und nur gegen diese. Das aber möglicherweise so heftig, daß der Patient einem anaphylaktischen Schock erliegen kann. Eine Allergie kann also gefährlich sein. Vor einem allergischen Anfall muß es immer in der Vergangenheit schon einmal einen Kontakt mit dem eingedrungenen Allergen gegeben haben, bei dem die Bildung von Antikörpern eingeleitet wurde.

Bei einer Pseudoallergie oder Überempfindlichkeitsreaktion spricht die unspezifische Immunkompetenz an. Der Körper wehrt sich ohne spezifische Antikörper und - Gott sei Dank - ohne Schockrisiko überempfindlich gegen den Haut- oder Darmkontakt mit irgendwelchen ihm nicht genehmen Dingen. Hier gehören die meisten der vermeintlichen Nahrungsmittelallergien, auch die Verschlimmerung von Hautleiden nach Ernährungsfehlern, hin. Die Überempfindlichkeitsreaktion ist in der Regel lästig aber ungefährlich.

Die Domäne der Umweltchemikalien schließlich ist das Kontaktekzem, das sich nicht nur an der Haut sondern natürlich auch an inneren Schleimhäuten abspielen kann. Wenn Sie in Brennesseln greifen oder sich ein Kosmetikum mit unfreundlichen undefinierten Ingredienzien auf die Haut schmieren, dann wehrt sich diese. Und wenn Sie Formaldehyddämpfe Ihrer neuen Holzvertäfelung einatmen, dann wehrt sich Ihre Lunge. Aber das ist keine Allergie sondern eine unmittelbare Intoxikation. Und hier gibt es fraglos eine ungeheure Ausbreitung.

Biochemische Ergänzungsmittel

Was tut nun die Biochemie in dem komplizierten Gefüge der Immunkompetenz ? Der guten Ordnung halber lassen Sie mich hier einmal einfügen, daß die Beschäftigung mit den Schüßlerschen Salzen nicht mehr allein unser Metier ist. Schüßler stieß auf Unverständnis bei seinen ärztlichen Zeitgenossen, weil er seiner Zeit damals weit voraus war. Er war einer der ersten, der die Medizin aus ihrer philosophisch-mystisch-religösen Denkweise in ein neues Zeitalter geführt hat, indem er versuchte naturwissenschaftlich analytisch die Zellfunktionen aufzuklären und deren biochemische Funktionen auf ihre wirklichen Grundbausteine, die Funktionsmittel, zurückzuführen.

Die Schulmedizin, die vor 120 Jahren unseren Doktor Schüßler noch ob seiner Lehre verlacht hat, ist inzwischen voll eingestiegen. Es gibt etliche Institute und Fachgesellschaften, die sich ganz intensiv mit Mineralien und Spurenelementen befassen und erhebliches auf dem Gebiet der biochemischen Forschung leisten. Mehrere Fachzeitungen widmen sich nur diesem Thema - auch wenn ihnen der Name Schüßler aus dem Gedächtnis gekommen ist.

Der Biochemische Bund kommt an diesen Forschungsergebnissen nicht vorbei und muß seine uralten Erfahrungen daran messen. Er ist aber zugleich aufgerufen, die Erinnerung an Doktor Schüßler in die moderne Medizin hineinzutragen und dort wachzuhalten. Der Weg in die Zukunft unseres Bundes heißt Gemeinsamkeit mit der Schulmedizin. Unsere über hundertjährige Erfahrung gepaart mit wissenschaftlichem Sachverstand von heute - dieses den Menschen nahezubringen ist unsere Aufgabe.

Es ist für mich immer wieder faszinierend zu sehen, wie ganz moderne Forschungsarbeiten an naturwissenschaftlichen Instituten Schüßlers präzise Beobachtungen zwar mit großer Verspätung - aber immerhin - bestätigen. Seine damaligen Erklärungsversuche können sicher heute nicht alle mehr standhalten. Seine Beobachtungen aber und die Schlußfolgerungen daraus finden nahezu alle ihre Bestätigung in modernen wissenschaftlichen Arbeiten.

Und diese Arbeiten habe ich versucht auszuwerten. Über Computer und Telefon kann man - Nutzungsrechte vorausgesetzt - heute im Handumdrehen gezielte Recherche in der gesamten internationalen wissenschaftlichen Literatur betreiben. Fragt man nach Aufsätzen in denen das Stichwort Immunsystem in Verbindung mit den einzelnen Mineralien vorkommt, hält der Computer in seinem Mitteilungseifer garnicht mehr an. Die Zitate zählen nach zigtausenden. Lassen Sie mich darum das Thema ein wenig einengen und mich auf die Spurenelemente, die wir in der Biochemie größtenteils als Ergänzungsmittel kennen, beschränken und Ihnen hier von den vielen Funktionen einige buchstäblich merkwürdige herausgreifen.

Eisen

Beginnen wir mit dem Eisen, dessen fatale Eigenschaft zu rosten offenbar schon der liebe Gott gekannt haben muß, als er den Menschen schuf, denn in unser Blut hat er eine Menge Eisen in Form von Blutfarbstoff hineingemacht, damit es denn in der Lunge ganz schnell roste, sprich: sich mit Sauerstoff verbindet.

Diese Eigenschaft kannten auch schon Schüßlers kritische ärztliche Zeitgenossen. Aber über seine These, Eisen sei gegen Entzündungen wirksam, konnten sie nur lachen. Wir lachen nicht, denn seit 120 Jahren hat sich unsere Nummer 3, Ferrum phosphoricum, als das Entzündungsmittel bewährt. Und Ferrum ist ein Entzündungsmittel, das weiß inzwischen die ganze Medizin.

Bei einem Eisenmangel vermindert sich im Blut die Zahl der T-Lymphozyten und die Aktivität der B-Lymphozyten. Die Killerzellen verlieren ihre Aktivität und die Phagozytose (Freßtätigkeit) bleibt ohne die Anwesenheit von freien Eisen-Ionen wirkunsglos. Und mehr noch: Eisen bindet Bakterientoxine. Nicht die Bakterien machen krank, sondern deren Ausscheidungsprodukte, die Toxine. Und diese werden durch Eisen zu einer unlöslichen und damit harmlsoen Verbindung eingefangen.

Aber noch soviel Eisen im Blut bleibt wirkunsglos, wenn nicht als Reaktionspartner eine entsprechende Menge Kupfer vorhanden ist. Das macht deutlich, daß wir unser Denken nicht immer nur auf das einzelne Element und seine Normmengen richten dürfen, sondern mehr auf das harmonische Zusammenspiel aller Mineralien achten müssen.

Kupfer

Eisen und Kupfer sind in ihrer Wirkung untrennbar miteinander verknüpft. Alle Fermente der Atmungskette, der inneren Sauerstoffverwertung, besitzen einen Kupferkern. Es gibt keine Verbrennung, keine Energieleistung ohne diese Kupferfermente.

Man teilt zum besseren Verständnis heute die Fermente in Gruppen ein. Die erste und wohl wichtigste sind die sogenannten Oxidasen, die für den Eiweißaufbau notwendig sind, und ohne die es keine Bildung von Immunglobulinen gäbe. Auch diese Oxidasen enthalten zu einem großen Teil Kupfer als Kern.

Eine davon, die Lysyl-Oxidase ist für die Struktur des kollagenen Bindegewebes verantwortlich. Kollagenes Bindegewebe ist Knorpel, sind Gelenkkapseln, Sehnen und Muskelhüllen, Aderwände und Stützgewebe. Eine kupfermangelbedingte Strukturveränderung führt zu einer bestimmten Form der rheumatoiden Arthritis.

Monoamine, Transmitter oder Katecholamine nennen wir jene Überträgersubstanzen, die für die Übertragung von Impulsen von einem Nerv auf den nächsten zuständig sind. Ohne Monoamine kein Denken, kein Fühlen, keine Bewegung, kein Leben. Monoamino-Oxidasen - wiederum kupferabhängig - sind jene Fermente, die aus der im Käse enthaltenen Aminosäure Tyrosin zunächst Dopamin und schließlich Noradrenalin und Adrenalin auf- und auch wieder abbauen, die wohl wichtigsten Überträgersubstanzen, die für Aktivität und Kreativität, aber auch für Streß stehen. Ihr hinreichender Aufbau und ihr rechtzeitger Abbau hält uns in der richtigen Waage zwischen Antriebslosigkeit einerseits und Übererregbarkeit andererseits. Psychische Immunität heißt diese Waage !

Kalium

Und hier komme ich nicht umhin, neben den Ergänzungsmitteln doch auch ein Funktionsmittel zu nennen: Kalium, einerlei ob als Nummer 4, 5 oder 6. Kalium in ausreichender Konzentration im Inneren unserer Nervenzellen hält das sogenannte Ruhepotential aufrecht, jene elektrisch-chemische Eigenschaft, die die Zelle vor unnötiger, schädlicher Erregung bewahrt. Ein intrazellulärer Kaliummangel läßt die neuromuskuläre Erregbarkeit steigen. Ich stelle hier einmal die kühne Behauptung in den Raum, daß ein hoher Prozentsatz jener Erkrankungen, die wir verschleiernd als vegetativ, psychisch oder psychosomatisch bedingt, als neurolabil oder gar als depressiv bezeichnen, nichts anderes sind, als unerkannte Mängel an Schüßlerschen Funktionssalzen.

Einen Vortrag zu diesem besonderen Thema habe ich einmal - in steter Angst vor einer einstweiligen Verfügung - "Kalium statt Valium !" betitelt, womit deutlich wird, was ich meine.

Zink

Das Ergänzungsmittel Zink ist mir besonders ans Herz gewachsen, weil ich einmal mit der Verordnung eines zinkhaltigen Medikamentes für eine Hautgeschichte einem zeugungsunfähigen Manne zu einem Kinde verholfen habe, dessen Pate ich dann werden durfte. Inzwischen ist der Bengel schon konfirmiert. Die Prostata ist das Organ mit dem höchsten Zinkgehalt, gefolgt von der Bauchspeicheldrüse und den Augen. Ohne Zink im Prostatasekret sind die Spermien unbeweglich. Darum hilft Zink bei der Zeugungs-Impotenz. Ob es auch bei der leidigen anderen Form der Impotenz hilft, kann ich noch nicht beurteilen, aber wenn man bedenkt, daß Austern das Nahrungsmittel mit dem höchsten Zinkgehalt sind, dann hängt die Tatsache, daß in bestimmten Erwartungssituationen so gerne Austern verzehrt werden, ja vielleicht mit Erfahrunsgheilkunde zusammen.

Streß, besser Dysstreß führt zu Zinkverlusten mit dem Urin. Entwässerungsmittel übrigens auch. Vielleicht ist das mit ein Grund für die Immunschwäche im Kummer, denn Zink ist eines der wichtigsten Metalle in der Immunkompetenz.

Im Thymus reifen die so wichtigen T-Lymphozyten unter der Einwirkung von Thymulin heran. Dazu ist Zink als Co-Faktor erforderlich und kann auch durch kein anderes Element dabei ersetzt werden. Das ist übrigens das entscheidende Kriterium, um ein Element als "essentiell" zu bezeichnen. Bei einem Zinkmangel sinkt die Thymusaktivität, die Zahl der Lymphozyten und der Helferzellen, die Freßtätigkeit wird vermindert, die Antikörperproduktion sinkt und die Interleukin-Sekretion geht zurück. Kurz: das gesamte Immunsystem wird bedenklich reduziert.

Das Nachlassen der Immunreaktion im Alter ist nicht auf ein vermindertes Potential zurückzuführen, sondern auf eine verringerte Reaktionsgeschwindigkeit. Die aber läßt sich durch Zink steigern. Eine deutliche Zunahme der Immunkompetenz durch Zinkgaben konnte bei alten Menschen beobachtet werden. Es gibt auch Hinweise darauf, daß ein intrazellulärer Zinkmangel ganz wesentlich am Alterungsprozeß beteiligt ist, ist doch die DNA-Neubildung, -reparatur und -übertragung zinkabhängig.

Alle allergischen und pseudoallergischen Erscheinungen auf der Haut oder den Schleimhäuten, zum Beispiel der Juckreiz, die Schwellung, die Schleimabsonderung, wird durch Histamin ausgelöst, einem Gewebshormon, das aus sogenannten Mastzellen freigesetzt wird. Diese Histaminfreisetzung wird durch Zink gebremst. Darum gilt Zink - in welcher Form auch immer - als wirksames Soforttherapeutikum bei allen allergischen Erkrankungen. Der Asthma-Patient, der Neurodermitis-Patient - sie reagieren dankbar auf Zink.

Und dann ist da die Sache mit dem Metallothionein. "Metall-Taxe" nenne ich dieses Eiweiß mit seinem hohen Zinkgehalt gerne, um die Funktion deutlich zu machen. So wie eine Taxe einen Fahrersitz und mehrere Plätze für die Fahrgäste hat, so weist dieses Metallothionein-Molekül 7 Metallbindungszentren auf. Eines davon muß mit Zink besetzt sein, ohne Fahrer nutzt auch die Taxe nichts. Die anderen 6 freien Plätze aber können mit toxischen Schwermetallen, wie z.B. Cadmium oder Quecksilber besetzt werden. Selbst vollbesetzt ist dieses Eiweißmolekül noch so klein, daß es nierengängig ist. So fährt denn die Taxe zum Stadttor hinaus. Metallothionein ist ein wichtiges Transportsystem für metallische Ionen. Und es ist die einzige Möglichkeit, uns von toxischen Metallbelastungen wieder zu befreien !

Daß Zink als Bestandteil der Carboanhydrase zudem das wichtigste Steuerinstrument unseres Säure-Basen-Haushaltes ist, ist ein eigenes abendfüllendes Thema. Aber eines muß hier doch gesagt werden: keines der über 10 000 Fermente in unserem Stoffwechsel kann optimal arbeiten, wenn es dort zu sauer wird. Und ohne Zink wird es sauer !

Mangan

Auch Mangan greift steuernd in den Säure-Basen-Haushalt ein, indem es bei sauerstoffloser Verbrennung entstandene Milchsäure wieder zu verbrennungsfähiger Glucose zurückverwandelt. Viel wichtiger aber ist die Kontrolle der freien Sauerstofffradikale.

Radikale sind hochaktive, aggressive Molekülbruchstücke, denen wir in der Medizin zur Zeit große Aufmerksamkeit zuwenden, weil dieser "oxidative Streß" angeblich die Zellmembran schädigt. Zur Ehrenrettung der Sauerstoffradikale sei aber auch erwähnt, daß sie nicht nur böse sind, sondern eine physiologische Wirkung als antibakterieller Wirkstoff der Granulozyten haben. Der schädliche Effekt dieser Sauerstoffradikale besteht in der Lipidperoxidation, das ist nichts anderes als das Ranzigwerden der Butter. Lipide sind Fette. Und die Hülle aller Zellen besteht zu einem großen Teil aus solchen Lipiden. Was bei der Butter nur den Geschmack verdirbt, kann für die Zellmembran tödlich sein. Eine Zellschädigung dieser Art kann - so wird es derzeit diskutiert - zur Arteriensklerose, zu Krebs oder zum Rheuma führen.

Nun sind die aggressiven Sauerstoffradikale ohnehin sehr kurzlebig. Gelingt es, ihre Lebensdauer noch weiter zu verkürzen, kann das diesen Krankheiten möglicherweise vorbeugen. Als Radikalenfänger kommen eine ganze Reihe von Substanzen infrage, z.B. Die Vitamine A, E und C sowie Magnesium. Wenn die Margarine-Industrie ihre Margarine mit Vitamin E anreichert, dann nicht etwa, um Ihrer Gesundheit willen, sondern damit sie nicht ranzig wird. Vitamin A- und E-Mängel gibt es darum auch kaum.

Neben diesen Vitaminen gibt es etliche körpereigene Enzyme, die ebenfalls Radikale einfangen und unschädlich machen können, z.B. die eisenhaltige Katalase, die eisen-, kupfer-, zink- und mangan-haltige Superoxiddismutase oder die selen-haltige Glutathionperoxidase. Ohne ihre Metallkerne funktionieren diese Enzyme nicht.

Aber lassen Sie mich mit Blick auf bestimmte Vermarktungstendenzen einmal ganz deutlich sagen: Wenn die Radikalentheorie stimmt, und wenn der Krebsentstehung durch das Einfangen der Radikale möglicherweise entgegengewirkt wird, dann handelt es sich bei den oben genannten Spurenelementen allenfalls um ein Prophylaktikum, um eine Vorbeugung. So zu tun, als hätte man mit einem einzelnen, dazu noch sehr toxischem Spurenelement ein Krebstherapeutikum, das ist in meinen Augen unanständig.

Organisch oder anorganisch ?

Seit fast 120 Jahren verwenden wir in der Biochemie diese anorganischen Salze, die uns Wilhelm Heinrich Schüßler gelehrt hat, und das mit besten Erfolgen. Nun geistert seit einiger Zeit eine Nonsenstheorie durch die Lande, die da besagt, anorganische Mineralien könne der Körper nicht verwerten, sie müßten organischen Ursprungs sein, und wegen der Schädlichkeit der anorganischen Mineralien solle man doch besser sein Wasser durch Destillation oder Umkehrosmose mineralarm machen. Nun denn: Ihre Waschmaschine mag gern mineralarmes Wasser, Ihr Herz hingegen zieht möglichst mineralreiches vor. Wenn Sie wollen, daß Ihre Waschmaschine Sie überlebt, dann sollten Sie diesem Rat folgen und Schüßler und seine Biochemie ganz schnell vergessen.

Es gibt keine "organischen " Mineralien. Mineralien sind immer anorganisch, auch wenn sie in Pflanzen eingebaut sind. Für ihre Wirkung ist es einerlei, in welcher Verbindung sie dem Körper zugeführt werden. Sie zeigen ihre lebenspendende Kraft erst, wenn sie ionisiert, das heißt von ihrem Partner getrennt werden und auf der Suche nach einer neuen Verbindung ihre volle Wirksamkeit entfalten.

Das, was Dr. Schüßler 1874 in die Medizin eingeführt hat, nämlich die Therapie mit anorganischen Mineralien, ist heute ein wichtiger Bestandteil der schulmedizinischen Therapie der Immunstörungen geworden. Es ist zeitlos richtig und uns, die wir als "Wissende" der Biochemie verhaftet sind, eine wertvolle Hilfe, nicht erst krank und therapiebedürftig zu werden, sondern unsere Gesundheit und Abwehrkraft vorbeugend damit zu erhalten.